{"id":50327,"date":"2021-02-01T11:39:42","date_gmt":"2021-02-01T10:39:42","guid":{"rendered":"https:\/\/www.soldan.de\/insights\/?p=50327"},"modified":"2021-02-01T11:39:44","modified_gmt":"2021-02-01T10:39:44","slug":"modern-ist-kein-argument-fuer-eine-brao-reform","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.soldan.de\/insights\/modern-ist-kein-argument-fuer-eine-brao-reform\/","title":{"rendered":"\u201eModern\u201c ist kein Argument f\u00fcr eine BRAO-Reform"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Bereits seit langem ist \u00fcber eine Modernisierung des anwaltlichen Berufsrechts geschrieben und diskutiert worden. Am 20. Januar 2021 hat nun das Bundeskabinett einen umfangreichen Gesetzentwurf verabschiedet. Ob die damit verbundenen Reformen aber tats\u00e4chlich gro\u00dfe praktische Relevanz haben werden, bezweifelt Prof. Dr. Christian Wolf im folgenden Interview. Er ist <\/strong><strong>Professor an der Leibniz Universit\u00e4t Hannover und leitet den Lehrstuhl f\u00fcr B\u00fcrgerliches Recht, Deutsches, Europ\u00e4isches und Internationales Zivilprozessrecht.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><em>Welche \u00c4nderungen im derzeitigen Regierungsentwurf halten Sie f\u00fcr die wichtigsten?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Prof. Dr. Christian Wolf:<\/strong> Nach dem Entwurf sollen den Rechtsanw\u00e4lten k\u00fcnftig alle deutschen und europ\u00e4ischen Gesellschaftsformen offen stehen. Das soll sogar f\u00fcr die GmbH &amp; Co KG gelten. Dar\u00fcber hinaus will der Gesetzgeber den Kreis der soziet\u00e4tsf\u00e4higen Berufe deutlich erweitern. Anw\u00e4lte sollen k\u00fcnftig mit allen Angeh\u00f6rigen der freien Berufe eine Soziet\u00e4t bilden k\u00f6nnen. Es ist keine Beschr\u00e4nkung auf die verkammerten Berufe vorgesehen. Schlie\u00dflich, und das ist konsequent und zu begr\u00fc\u00dfen, sollen k\u00fcnftig auch die Berufsaus\u00fcbungsgesellschaften Adressaten anwaltsgerichtlicher Ma\u00dfnahmen sein. D.h. nicht nur der einzelne Berufstr\u00e4ger ist f\u00fcr die Einhaltung des Berufsrechts verantwortlich, sondern auch die Berufsaus\u00fcbungsgesellschaft selbst.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Ein wichtiger Punkt betrifft das Verbot der Vertretung widerstreitender Interessen. Was wird neu geregelt?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Prof. Dr. Christian Wolf:<\/strong> Bislang ist in der BRAO das Verbot der Vertretung widerstreitender Interessen nur f\u00fcr den einzelnen Anwalt geregelt. Die Soziet\u00e4tserstreckung erfolgte in der BORA. Nunmehr soll die Soziet\u00e4tserstreckung in der BRAO selbst vom Gesetzgeber geregelt werden. Die Frage, in welchem Umfang der Satzungsgeber eine solche Soziet\u00e4tserstreckung anordnen kann, wird damit obsolet.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine wichtige \u00c4nderung stellt das Verbot dar, t\u00e4tig werden zu d\u00fcrfen, wenn man aus einem anderen Mandat \u00fcber vertrauliche Informationen verf\u00fcgt und deren Verwendung im Widerspruch zu den Interessen des vorhergehenden Mandats steht.<\/p>\n\n\n\n<p>Es soll aber m\u00f6glich sein, dass der Mandant sein Einverst\u00e4ndnis erteilt. F\u00fcr Referendarinnen und Referendare, die im Rahmen ihres Vorbereitungsdienstes in der Anwaltskanzlei arbeiten, soll diese Regelung aber nicht gelten. Anders sieht es jedoch aus, wenn sie zum Beispiel wissenschaftliche Mitarbeiter der Kanzlei sind.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Wie beurteilen Sie diese Neuregelung?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Prof. Dr. Christian Wolf:<\/strong> Zun\u00e4chst ist es sicherlich sinnvoll, die Erstreckung des Verbots der Vertretung widerstreitender Interessen gesetzlich zu regeln. Ob es ausreiche<ins>,<\/ins> die Soziet\u00e4tserstreckung wie bisher in der BORA zu regeln, war nicht ganz klar. Auch k\u00fcnftig wird es m\u00f6glich sein, bei entsprechender Aufkl\u00e4rung und Einwilligung der Mandanten, innerhalb einer Soziet\u00e4t widerstreitende Interessen durch verschiedene Anw\u00e4lte vertreten zu lassen. Gegen\u00fcber dem Status quo ist dies nunmehr sogar leichter m\u00f6glich, da nach derzeitiger Rechtslage widerstreitende Interessen trotz Einwilligung der Mandanten nicht vertreten werden k\u00f6nnen, wenn die Belange der Rechtspflege dagegen stehen. Dies soll k\u00fcnftig wegfallen. Allerdings d\u00fcrften die Innenpolitiker darauf dr\u00e4ngen, dass die Belange der Rechtspflege als zus\u00e4tzliches Kriterium erhalten bleiben.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Ausweitung der Interessenkollision auf sensible Informationen, die ein Anwalt aus einem Mandat erh\u00e4lt, ist richtig, d\u00fcrfte aber hinsichtlich der Frage, was genau \u201ebedeutsame vertrauliche Informationen\u201c sind, in der Praxis noch Kopfzerbrechen bereiten. Alles in Allem gilt aber: Bei dem Verbot der Vertretung widerstreitender Interessen handelt es sich schlie\u00dflich um einen Kernwert anwaltlicher T\u00e4tigkeit. Der Anwalt signalisiert seinem Mandanten \u201eich bin dazu verpflichtet, nur Deine Interessen zu vertreten\u201c \u2013 das ist doch ein Wettbewerbsvorteil, den er gegen\u00fcber anderen Beratern ausspielen kann.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Eine Kapitalbeteiligung von Dritten soll den Anw\u00e4lten auch weiterhin verboten bleiben. Finden Sie das richtig?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Prof. Dr. Christian Wolf:<\/strong> Ich halte das f\u00fcr absolut richtig. Bei jeder Reform des Anwaltsrechts muss man sich die Frage stellen, schaffen wird hierdurch einen besseren und gleichwertigeren Zugang zum Recht, oder dient die Reform lediglich bestimmten eigenn\u00fctzigen Interessen bestimmter Markteilnehmer? Schon heute befindet sich der Rechtsmarkt in einer Schieflage, weil sich insbesondere die leistungsstarken Kanzleien immer weniger an der Quersubventionierung von Streitigkeiten mit kleinem Streitwert beteiligen. Diese Entwicklung w\u00fcrde durch externe Kapitalgeber beschleunigt: Ein Kapitalgeber interessiert sich v\u00f6llig zu Recht nicht daf\u00fcr, ob mit seiner Investition das Recht verwirklicht wird, er interessiert sich f\u00fcr sein return on investment.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Dann halten Sie sicherlich auch die weitere \u00d6ffnung bei den Erfolgshonoraren f\u00fcr falsch, die das Kabinett ebenfalls am 20. Januar 2021 mit dem Entwurf des so genannten \u201eLegal Tech\u201c-Gesetzes verabschiedet hat?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Prof. Dr. Christian Wolf:<\/strong> Ja, ich halte auch das f\u00fcr falsch. Jedes sogenannte Legal Tech muss seine Zinserwartung an die im Private Equity \u00dcbliche anpassen. Dar\u00fcber hinaus soll das Risiko \u00fcberschaubar bleiben. Beides zusammen f\u00fchrt dazu, dass nur F\u00e4lle mit einer sehr hohen Obsiegenswahrscheinlichkeit zu einer einsprechend hohen Verzinsung des capital at risk (also der Verfahrenskosten, die im Unterliegensfall zu tragen sind) angenommen werden. Wenn es im Regierungsentwurf hei\u00dft, dass durch das Erfolgshonorar ein rationales Desinteresse \u00fcberwunden werden soll, dann wird im Grunde nichts Anderes gesagt, als dass unser Rechtsmarkt in einem schlechten Zustand sei: Du musst auf 30 Prozent Deiner Forderung verzichten, wenn Du diese durchsetzen willst. Das ist zynisch und bildet die Wirklichkeit derzeit noch nicht zutreffend ab. Ein Erfolgshonorar finde ich nur akzeptabel, wenn wir wie im amerikanischen System einen Strafschaden einf\u00fchren, das hei\u00dft, wenn die Anspr\u00fcche im Erfolgsfall \u00fcberkompensiert werden.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Werden die Reformgesetze ihrer Meinung nach der Forderung nach einem moderneren Berufsrecht gerecht<\/em>?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Prof. Dr. Christian Wolf:<\/strong> Zun\u00e4chst, \u201emodern\u201c ist ein unbestimmter chiffrierter Begriff mit dem man nichts und alles begr\u00fcnden kann. Wir stellen in der Diskussion nicht die richtige Frage. Wir m\u00fcssten fragen, ob uns die Reform dem Ziel \u201eEqual justice under law\u201c n\u00e4her bringt? Hieran habe ich erhebliche Zweifel. Auf dem letzten Mietgerichtstag hat man festgestellt, dass durch die Legal Tech Angebote, die ja im Wesentlichen ein Gesch\u00e4ftsmodell mit einem internetbasierten Marketinginstrument sind, die \u00f6konomische Basis f\u00fcr seri\u00f6se Beratung, die gerade in komplexen F\u00e4llen durch die Anwaltschaft erfolgt, untergraben wird. Die einfachen und sicher gewinnbaren F\u00e4lle landen im Legal Tech Bereich. Die schwierigen und zweitaufwenigen F\u00e4lle soll das Gros der Anwaltschaft abarbeiten. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Bestimmte Neuregelungen sind sicherlich sinnvoll, zum Beispiel, dass zuk\u00fcnftig die Berufsausbildungsgesellschaft Adressat der anwaltsgerichtlichen Ma\u00dfnahmen sein kann oder das Kanzleipostfach f\u00fcr den elektronischen Rechtsverkehr. Das Gleiche gilt auch f\u00fcr die Neuregelung der Interessenkollision.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Und das anwaltliche Gesellschaftsrecht oder die interprofessionelle Zusammenarbeit?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Prof. Dr. Christian Wolf:<\/strong> Was die Erweiterung der zul\u00e4ssigen Gesellschaftsformen betrifft, kann ich weder eine Notwendigkeit noch Vorteile erkennen. Bekanntlich ist die GmbH &amp; Co KG die Gesellschaftsform mit der schlechtesten Reputation. F\u00fcr den Beruf des Rechtsanwalts, der vor allem auf seine Reputation angewiesen ist, ein wenig frohlockendes Angebot. Dabei muss man sich klarmachen, dass Reputation bis zu einem bestimmten Punkt immer unteilbar ist. Ich will sagen, Anw\u00e4lte, die sich k\u00fcnftig als GmbH &amp;Co KG organisieren, gef\u00e4hrden nicht nur ihre eigene Reputation, dies hat nat\u00fcrlich auch R\u00fcckwirkungen auf alle Anw\u00e4lte.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch die \u00d6ffnung der Anwaltssoziet\u00e4ten f\u00fcr Angeh\u00f6rige anderer freier Berufe, die ja auf die Horn-Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts zur\u00fcckgeht, halte ich nicht f\u00fcr besonders praxisrelevant. Bislang sehe ich so gut wie keine Zusammenschl\u00fcsse von Rechtsanw\u00e4lten, \u00c4rzten und Apothekern. Auch bislang hinderte die Anw\u00e4lte nichts daran, mit anderen Berufen interdisziplin\u00e4r zusammenzuarbeiten. Aber warum soll daf\u00fcr eine gesellschaftsrechtliche Verbindung notwendig sein?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bereits seit langem ist \u00fcber eine Modernisierung des anwaltlichen Berufsrechts geschrieben und diskutiert worden. Am 20. 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