Der Boom bei den Fachanwälten ist schon länger vorbei

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Der rasante Zuwachs von Fachanwältinnen und Fachanwälten ist vorbei. Während sich ihre Zahl zwischen 2006 und 2013 verdoppelte, betrug das prozentuale Wachstum zuletzt nur noch 0,5 Prozent. Das geht aus der offiziellen Fachanwaltsstatistik hervor, die das Soldan Institut analysiert hat. Daraus geht hervor, dass die Zahl der Fachanwältinnen und -anwälte nicht in gleichem Maße gestiegen ist wie die Zahl der Fachanwaltstitel. „Das ist darauf zurückzuführen, dass der Zuwachs an Fachanwaltstiteln in immer stärkerem Maße nicht mehr darauf beruht, dass jüngere Anwälte einen solchen Titel erwerben, sondern vielmehr ältere Kollegen sich einen zweiten oder dritten Fachanwaltstitel erarbeiten“, sagt Prof. Dr. Matthias Kilian, Direktor des Soldan Instituts und des Instituts für Anwaltsrecht an der Universität zu Köln.

Da in einigen Jahren deutlich mehr Anwältinnen und Anwälte in den Ruhestand treten als neue zugelassen werden, ist abzusehen, dass sich dies auch auf die Zahl der Fachanwälte auswirken wird. Diese Entwicklung hat in Teilen schon begonnen. Während die Zahlen der Fachanwälte für Steuerrecht, Verwaltungsrecht, Miet- und Wohneigentumsrecht und Bank- und Kapitalmarktrecht jahrelang stetig zunahmen, sind sie 2021 und 2022 gesunken. Die Zahl der Fachanwälte für Familienrecht ist innerhalb von fünf Jahren sogar um sechs Prozent geschrumpft.

Als Hauptgrund für diese negative Entwicklung nennen die Berufsforscher die stark rückläufigen gerichtlichen Verfahren. Nach der Fachanwaltsordnung müssen Anwältinnen und Anwälte eine Mindestanzahl an gerichtlichen oder rechtsförmlichen Fällen in ihrem Fachgebiet nachweisen, um den Titel zu erwerben. „Die Zahl der gerichtlichen Verfahren hat sich in Deutschland seit Ende der 1990er Jahre annähernd halbiert, während sich die Zahl der Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte fast verdoppelt hat. Rein statistisch betrachtet, ist es für den einzelnen Rechtsanwalt viermal schwieriger geworden, für seine Fallliste ein gerichtliches Mandat zu erhalten“, erklärt Kilian. Er empfiehlt daher, entsprechende Anpassungen in der Fachanwaltsordnung vorzunehmen.

Ein weiterer Grund für die rückläufigen Fachanwaltszahlen liegt daran, dass der Anteil der Anwältinnen in den vergangenen Jahren stark gestiegen ist. Viele über ihren Beruf aber in Teilzeit aus, um sich besser um ihre Familie kümmern zu können. Die Zeit, um neben Familie und Beruf auch noch Zusatzqualifikationen wie einen Fachanwaltstitel oder eine Promotion zu erwerben, fehlt ihnen dann häufig. „Hier muss die Satzungsversammlung sachgerechte Lösungen schaffen und auf die veränderten demographischen Strukturen der Anwaltschaft reagieren“, sagt Kilian.