Das Amazon der Rechtsberatung

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Plattformen sind in der digitalen Welt das Maß aller Dinge. Mitten in der Corona-Pandemie haben die 100 größten Plattform-Unternehmen 40 Prozent an Wert zugelegt – auf inzwischen 12,6 Billionen Dollar. Das Geschäftsmodell – vor allem Interaktionen zwischen Angebots- und Nachfrageseite zu ermöglichen, Netzwerkeffekte zu schaffen und Märkte zum Wohle aller Beteiligten zu koppeln – funktioniert aber nicht nur bei Amazon, Booking & Co. Inzwischen sind Plattform-Modelle in nahezu allen Märkten an den Start gegangen, haben vielfach etablierte Marktführer verdrängt und klassische Geschäftsmodelle abgelöst.

Plattformen konzentrieren sich zu Beginn meist auf Massenmärkte mit einfach zu vergleichenden Produkten, die sich schnell digitalisieren lassen. Doch wie Amazon zuerst nur Bücher verkauft und heute beinahe alles bis zum Fertighaus im Angebot hat, können wegen des technischen Fortschritts und Lerneffekten auf Seiten der Konsumenten auch komplexe Produkte auf Plattformen gehandelt werden. Das gilt für Industriegüter und für Dienstleistungen wie die Rechtsberatung. Meist benötigen diese Modelle etwas mehr Zeit, um die Komplexität des Produktes digital abzubilden. Aber spätestens die Corona-Krise hat viele Prozesse viel schneller digitalisiert, als es bisher für möglich gehalten wurde.

Wahrscheinlich werden es aber gerade nicht die BigTechs sein, die den Rechtsmarkt angreifen. Zwar vermitteln Amazon oder Alibaba inzwischen auch Anwaltsleistungen, aber dieser Markt liegt ganz sicher nicht in ihrem Fokus. Die Angriffe kommen aus anderen Richtungen: Softwareanbieter, die Rechtsberatung als Teil ihres Ecosystems anbieten, Wissens-Plattformen, die Rechtsberater vermitteln und irgendwann auch Player aus der Ecke der großen Steuerberater, Wirtschaftsprüfer und Berater, die hochveredelte kuratierte Services kostenlos anbieten, damit niemand an ihrer Plattform vorbeikommt.

Dazu kommen die vergleichsweise einfachen Plattform-Modelle, die schon seit einigen Jahren auf dem Markt sind. Angebote wie LegalBase oder Anwalt.de und möglicherweise bald auch Check24 konzentrieren sich auf die Vermittlung passender Anwaltsleistungen. Hier wird ein Markt transparent gemacht. Festpreise sollen helfen, die Angst der Ratsuchenden vor unübersehbaren Kosten zu nehmen. Aus Sicht der Plattformökonomie nutzen diese Modelle die Möglichkeiten wie Netzwerkeffekte oder die Kopplung verschiedener Märkte aber nur zu einem kleinen Teil aus.

Inhaltlich weiter sind Softwareanbieter wie Intuit, die Steuerberatung, Buchhaltung und Bankgeschäfte auf einer Plattform miteinander verknüpfen. Ihre Nutzer auch mit Anwälten in Kontakt zu bringen, wäre ein Leichtes. An dieser Stelle zeigt sich eine wesentliche Stärke der Plattformen: Verschiedene Märkte und komplementäre Services werden miteinander gekoppelt, um den Kunden einen besseren Service und den Anbietern mehr indirekte Kunden zuzuführen. Davon profitieren am Ende alle Seiten – einschließlich des Plattformbetreibers: Intuit wird an der Börse inzwischen mit etwa 80 Mrd. Dollar bewertet.

In einem zweiten Schritt werden die Plattformen versuchen, Rechtsberatung mit Hilfe Künstlicher Intelligenz (KI) zu automatisieren. KI kann heute Ratschläge in einfachen Fällen erteilen, steckt aber noch in den Anfängen. Wie in vielen anderen technischen Prozessen sollte der Fortschritt aber nicht unterschätzt werden, da zuerst die notwendige Datenbasis aufwendig aufgebaut werden muss.  Die Kombination aus KI (für einfache Fälle) und Experten (für die komplexen Dinge) ist aber prädestiniert für Plattformen, da sie aus großen Datenmengen lernen können. Amazon und Alibaba haben im Online-Handel vorgemacht, welche Kraft diese datenbasierten Geschäftsmodelle entwickeln können. Die Rechtsberater haben noch die Chance, diese Plattform-Mechanismen für den eigenen Aufbau dieser Modelle zu nutzen, bevor einer der vielen Angreifer von außen das Geschäft macht. Oder Amazon vielleicht doch noch auf die Idee kommt.