„Ein ausformuliertes Leitbild ist ein Novum in der Geschichte des DAV“

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Nach mehr als zweijähriger Diskussion hat der Deutsche Anwaltverein (DAV) erstmals ein ausformuliertes Leitbild verabschiedet. Über die Hintergründe informiert die Hauptgeschäftsführerin des DAV, Rechtsanwältin Dr. Sylvia Ruge.

Warum war dem DAV die Verabschiedung eines neuen Leitbildes ein wichtiges Anliegen?

Dr. Sylvia Ruge: Um auch langfristig für alle Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte attraktiv zu bleiben, muss sich der DAV auf seine Stärken konzentrieren und die Weichen für die Zukunft stellen. Wofür gibt es den DAV? Wer braucht ihn zukünftig? Auf welche Schwerpunkte soll er sich künftig fokussieren? Zur Beantwortung dieser Fragen kann ein Leitbild wertvolle Hilfe leisten. Es formuliert Mission und Werte und schafft Orientierung. Wir Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte scheuen bekanntermaßen nicht das geschriebene Wort. Und doch stellt ein ausformuliertes Leitbild in der nahezu 150-jährigen Geschichte des DAV ein Novum dar. Das gab es noch nicht. Jetzt wird es gebraucht! Der Vorstand des DAV hat das 2018 erkannt. Gut zwei Jahre später ist es vollbracht. Wir haben das Leitbild für den DAV und seine Mitgliedsvereine.

2017 wurde eine Mitgliederbefragung durchgeführt, aus der hervorging, dass sich viele Mitglieder zwar von den örtlichen Anwaltvereinen gut vertreten fühlen, vom Dachverein in Berlin aber mehr „Interessensvertretung“ einfordern. Inwiefern hat auch eine gewisse Unzufriedenheit der Mitglieder dabei eine Rolle gespielt?

Dr. Sylvia Ruge: Das war nicht der Auslöser des Leitbildprozesses. Der DAV wird 2021 auf 150 Jahre Geschichte zurückblicken. Damit ist aber auch die Frage in den Vordergrund gerückt, welche Zukunft der Verband hat. Die Zufriedenheit unserer Mitglieder kennen wir recht gut. Die letzte große Mitgliederzufriedenheitsbefragung wurde im Jahr 2017 durchgeführt. Die Mitglieder attestierten dem DAV damals Kompetenz und Glaubwürdigkeit. Sie bescheinigten dem Verband ein höheres Image als den Rechtsanwaltskammern. Als Hauptbeitrittsmotiv wurde die Interessenvertretung genannt, gefolgt von den zahlreichen und preisgünstigen Fort- und Weiterbildungsmöglichkeiten, den Netzwerkmöglichkeiten und der Beratung. Zwei Drittel der Mitglieder gaben an, mit der Arbeit des DAV zufrieden zu sein. Allerdings ergab die Untersuchung auch eine relativ schwache emotionale Bindung an den Verband.

Wie haben sich die Mitgliederzahlen in den vergangenen Jahren entwickelt?

Dr. Sylvia Ruge: Wir spüren den demographischen Wandel: Seit 2011 hat sich die Zahl der Mitglieder von rund 67.000 auf derzeit rund 62.000 Anwältinnen und Anwälte reduziert. Während sich die Austritte auf einem relativ konstanten Niveau bewegen – meist wegen der Rückgabe der Zulassung- müssen wir junge Kolleginnen und Kollegen für eine Mitgliedschaft in einem unserer örtlichen Vereine gewinnen. Dies gelingt uns zwar, gleicht den Abgang aber nicht aus, da die Zulassungszahlen bei den niedergelassenen Anwältinnen und Anwälten rückläufig sind. Und wir müssen noch mehr daran arbeiten, den anwaltlichen Nachwuchs für eine Mitgliedschaft und für ein Engagement in den Anwaltsvereinen zu überzeugen. Das Leitbild wird für die weiteren Strategieüberlegungen des DAV eine ganz entscheidende Rolle spielen. Die eigentliche Arbeit beginnt erst jetzt.

Wie hat der DAV seine Mitglieder bei der Entwicklung des neuen Leitbildes eingebunden?

Dr. Sylvia Ruge: Das Leitbild muss vom gesamten Verband getragen und mit Leben gefüllt werden. Aus diesem Grund wurde es auch nicht vom DAV-Vorstand allein, sondern ganz bewusst unter Beteiligung unserer örtlichen Anwaltvereine, Arbeitsgemeinschaften und Ausschüsse sowie auch der Mitglieder selbst entwickelt. Mithilfe moderierter Workshops, Online-Befragungen und Mailings wurde das Projekt in den Verband getragen. Auf unserer Website haben wir regelmäßig über den aktuellen Stand der Leitbildentwicklung informiert und zur Mitgestaltung aufgerufen. Die hohe Beteiligung und die vielen konstruktiven Rückmeldungen waren überwältigend. Auch Externe waren eingebunden, darunter Soldan.

Welche Erkenntnisse hat der DAV aus den Äußerungen seiner Mitglieder für seine Arbeit gewinnen können? Was ist den Mitgliedern besonders wichtig? Ergeben sich daraus Akzentverschiebungen für die Arbeit des DAV?

Dr. Sylvia Ruge: Die Mitglieder erwarten vom DAV, dass er auch weiterhin für ihre Interessen kämpft und sie darüber hinaus bei allen Herausforderungen des Anwaltsberufs, gleich ob unterneh­me­rischer, organi­sa­to­rischer und persön­licher Natur, unterstützt. Darauf wird unser Fokus liegen.