Was Sie über Legal Design wissen sollten und warum es das neue Schwarz ist

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Was genau ist Legal Design, oder, etwas präziser formuliert, Legal Design Thinking? Es geht
dabei um die Anwendung der Methoden und Werkzeuge des Design Thinking in juristischen
Zusammenhängen. Und was ist Design Thinking? Die m. E. beste Definition stammt vom Hasso-Plattner-Institut in Potsdam: “Design Thinking ist eine strukturierte Herangehensweise an Innovation, die durch multidisziplinäre Teams, flexible Arbeitsumgebungen und einen kreativen Prozess nutzerzentrierte Produkte, Services oder Erlebnisse schafft.“
Ursprünglich in den 1960er-Jahren von Ingenieuren als Methode für kreative Produktentwicklung entwickelt, wird Design Thinking seit den 1990er-Jahren auch als Managementmethode zur Lösung diverser komplexer Probleme in Wirtschaft und Gesellschaft angewendet. Spätestens seit den 2000er-Jahren wird Design Thinking auch für Innovationen im Dienstleistungsbereich (sog. Service Design) eingesetzt. Es gibt inzwischen eine Vielzahl von Design Thinking Ausbildungen; zu den prominentesten gehören die d.school der Stanford University sowie im deutschsprachigen Raum das Hasso-Plattner-Institut.

Design Thinking hat also ein sehr weites Anwendungsfeld und wird zur Entwicklung von
Innovationen und Verbesserungen aller Art eingesetzt. Vor allem sollte dieser Ansatz nicht
mit dem verwechselt werden, was wir umgangssprachlich als Design bezeichnen, also
Grafikdesign oder Produktdesign.
Warum sollten wir als Juristen uns für diesen Ansatz interessieren? In erster Linie aus drei
Gründen:

1. Veränderung: Unser Markt verändert sich in immer schnellerem Tempo. Dies gilt
insbesondere für die Anforderungen unser Auftraggeber an uns, egal ob wir als
Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte für Unternehmen oder für Verbraucher tätig werden oder in der Rechtsabteilung von Unternehmen oder Verbänden oder in Behörden arbeiten. Und wenn Veränderungen gefragt sind, braucht es Innovation und für diese braucht es einen Ansatz, der Kreativität mit einer gewissen Struktur verbindet.

2. Ergebnisse: Unser wichtigstes juristisches Werkzeug ist die Kommunikation. Oft sind
wir Meister dieses Fachs – jedenfalls so lange wir unter uns sind. Wir schreiben und reden, oft brillant, für ein Publikum, das aus anderen Juristen besteht. Was wir dabei meistens übersehen, ist, dass die Endnutzer unserer Arbeitsprodukte oft keine Juristen sind (abgesehen von Schriftsätzen in Gerichtsverfahren u.ä.). Was nützen die besten Compliance-Richtlinien oder Musterverträge für ein Unternehmen, wenn keiner sie versteht? Oder Antragsformulare, die kein Mensch korrekt auszufüllen vermag? Oder ein Ehevertrag, der beim ersten Ernstfall nach 10 Jahren Ehe nur noch Rätselraten auslöst? Wir können unsere Arbeitsprodukte signifikant verbessern, wenn wir den nutzerzentrierten Ansatz des Design Thinking auf sie anwenden. Einige in meinen Augen besonders gelungene Beispiele lernen Sie sogleich im zweiten Teil dieses Artikels kennen. Aber zunächst noch ein nicht zu unterschätzender, dritter Grund.

3. Kompetenzerweiterung: Die sich verändernden Rahmenbedingungen für unsere Arbeit als Juristinnen und Juristen erfordert Fähigkeiten von uns, die bei sehr vielen von uns weder in die Wiege gelegt noch während der juristischen Ausbildung oder später im Berufsleben erworben wurden. Design Thinking ist das ideale Übungsfeld, um einige dieser Fähigkeiten zu trainieren und dadurch unser Kompetenzprofil abzurunden. Dazu gehört u.a. die Arbeit in multidisziplinären Gruppen mit den Menschen, die wir gerne als „Nichtjuristen“ bezeichnen (Preisfrage nebenbei: Kennen Sie Nichtklempner? Nichtsoziologen? Nichtbusfahrerinnen?). Dazu gehören außerdem der radikale Fokus auf die Nutzer unserer Dienstleistungen und das Lernen an Experimenten und unperfekten Lösungen. Mehr dazu in Teil drei dieses Artikels.

Gelungene Beispiele, die durch Legal Design entstanden sind

Die Anwendungsfälle für Legal Design lassen sich grob in drei Untergruppen aufteilen: (1)
Verbesserte Kommunikation und Darstellung juristischer Informationen, (2) Entwicklung
neuer Dienstleistungen und Produkte für den Rechtsmarkt und (3) Aufbau einer
Innovationskultur in juristischen Organisationen. Aus der ersten Untergruppe gibt es einige
sehr bemerkenswerte Beispiele, die zum großen Teil öffentlich zugänglich sind. Schauen Sie
selbst:

• Die Datenschutzrichtlinie des britischen Dienstleisters für Vertragsmanagement Juro. Für mich ein herausragendes Beispiel und bisher eine der sehr wenigen ihrer Art, die wirklich Lust macht, sie zu lesen: klare Sprache, gute Struktur und mit visuellen Hilfsmitteln. Sie lässt uns als Leserinnen und Leser auch die Wahl, ob wir uns mit der Zusammenfassung begnügen oder an gezielten Stellen den Volltext lesen wollen. So sieht gute Datenschutzinformation aus, wie sie das Gesetz vorschreibt (Art. 12 Abs. 1 DSGVO: „in präziser, transparenter, verständlicher und leicht zugänglicher Form in einer klaren und einfachen Sprache“)!

• Das Flussdiagramm über den Ablauf eines Schiedsverfahrens am Finnischen Institut
für Schiedsgerichtsbarkeit. Dieses interaktive Werkzeug ist das Produkt eines Legal Design Prozesses, der die Ansichten von Nutzern wie z.B. Geschäftsleuten, Juristen und Studierenden einbezog und bei dem mehrere Prototypen getestet und von Nutzern validiert wurden. Das Flussdiagramm informiert über den Ablauf eines Schiedsverfahrens (z.B. Zeitrahmen, Ablauf, Kosten und anwendbares Recht) und das Institut hat sehr viel Anerkennung dafür erhalten.

• Die Urheberrechtslizenzen der gemeinnützigen Organisation Creative Commons
(etwa: Kreativallmende), über die Urheber der Öffentlichkeit Rechte an ihren Werken
einräumen können. Die Lizenzen liegen jeweils auf drei verschiedenen Sprachebenen
vor: (1) die juristisch exakte und komplexe Sprache, in der wir Juristinnen und
Juristen uns bewegen, (2) eine maschinenlesbare Sprache und (3) in klarer,
allgemeinverständlicher Form. Darüber hinaus wird der jeweilige Umfang der
Lizenzen und ihrer Beschränkungen durch Symbole dargestellt, z.B. für die Nennung
des Urhebers, die Weitergabe unter gleichen Bedingungen und das Verbot von
Bearbeitungen oder kommerzieller Nutzung. Diese Lizenzen werden u.a. von Wikimedia
Commons verwendet und dort wird deren Bedeutung darüber hinaus durch Beispiele
und visuelle Hilfsmittel erklärt.

• Ich kenne auch (mindestens) eine Rechtsabteilung, der eine bedeutende
Wertschöpfung für ihr Unternehmen gelungen ist, indem sie Legal Design Methoden
auf Musterverträge des Unternehmens angewendet hat. Ausgangspunkt war ein 40-
seitiges Mustervertrags-“Monster” (das vermutlich kaum jemand außerhalb der
Rechtsabteilung je ganz gelesen hat). Dieser wurde einem Redesign-Prozess
unterworfen, im Zuge dessen die Interessenten und Nutzer des Vertrags interviewt
wurden. Das (vorläufige) Endprodukt war ein Mustervertrag von handlichen 12
Seiten, der nur noch die Regelungen enthielt, die der entsprechende
Geschäftsbereich auch tatsächlich brauchte.

Notwendige Erweiterung unserer Kompetenzen durch praktiziertes
Legal Design

Nach ein paar Workshops in Design Thinking kann ich aus persönlicher Erfahrung bestätigen:
Hier gibt es für uns Juristinnen und Juristen viele wichtige Erfahrungen und Fähigkeiten zum Mitnehmen. Diese runden unsere juristischen Fähigkeiten (Analyse, Logik, Deduktion) auf ideale Weise ab:

• Im Fokus jedes Designprozesses stehen die Endanwender einer Dienstleistung oder eines Produktes. Als Juristinnen und Juristen tendieren wir oft dazu, diese etwas aus den Augen zu verlieren: Wenn wir Verträge, Allgemeine Geschäftsbedingungen oder Datenschutzrichtlinien entwerfen, haben wir dabei meist andere Juristen im Hinterkopf, z.B. die Richter in einem etwaigen Rechtsstreit oder die Unternehmensjuristen, die unsere Auftraggeber sind. Meist entwerfen wir nicht für die Menschen, die unsere Arbeitsprodukte verstehen, in die Praxis umsetzen und damit leben müssen, wie z.B. die Mitarbeiter im operativen Geschäft unserer Mandanten, die Allgemeinheit oder die Verbraucher, an die unsere Mandantenetwas verkaufen wollen. Es geht aber auch anders! Schauen Sie sich mal die Positivbeispiele der International Association for Contract and Commercial
Management an. Legal Design legt sehr großen Wert auf Empathie mit den Endnutzern von rechtlichen Dienstleistungen und zwingt uns als Juristinnen und Juristen dazu, uns am Anfang des Designprozesses in deren Situation zu versetzen.

• Ein gutes Team für einen Legal Design Prozess ist multidisziplinär. Um gute
Ergebnisse zu erzielen, braucht es die unterschiedlichen Perspektiven von
beispielsweise Juristen, Geschäftsleuten, Verbrauchern, Kommunikationsdesignern
und Softwareentwicklern. Mit anderen Worten: Legal Design bringt uns dazu,
regelmäßig mit den von uns sogenannten „Nichtjuristen“ zusammen zu arbeiten und
deren Wissen und Erfahrungen auf gleicher Augenhöhe einzubeziehen. (Vielleicht
können wir uns in dem Zusammenhang auch abgewöhnen, sie als „die Anderen“
aufzufassen und über das zu definieren, was sie nicht sind.)

• Design Thinking ist ein sehr kreativer Prozess und Kreativität braucht, auch wenn das
auf den ersten Blick der Intuition zu widersprechen scheint, Strukturen und Regeln,
um zu gedeihen. Design Thinking stellt diese Strukturen und Regeln zur Verfügung. Zu
dessen Grundsätzen gehören z.B.: sei aufgeschlossen und halte dich mit
Bewertungen zunächst zurück, bau auf den Ideen anderer im Team auf („Ja, und …“-
Ansatz), hör zu und lass Andere ihre Ideen in Ruhe entwickeln. Die Einhaltung dieser
für die Kreativität so wichtigen Grundregeln fällt uns Juristinnen und Juristen oft
schwer (mich eingeschlossen), denn unser gewohnter Arbeitsmodus zielt eher auf
das Gegenteil: schnell bewerten, so schnell wie möglich in den Lösungsmodus
schalten, „ja, aber…“ sagen und unsere Argumente selbstbewusst verteidigen.

• Ein weiterer Grundsatz für Design Thinking Prozesse ist, möglichst schnell mit einem
ersten Prototyp einer Dienstleistung oder eines Produkts in die Testphase zu gehen,
diesen höchstwahrscheinlich als unzureichend zu erkennen, um daraus zu lernen und
in der nächsten Runde einen besseren Prototyp zu erstellen (Prinzip des „fail fast“).
Dieser Prozess ist also iterativ, nicht linear. Die fünf Phasen des Designprozesses
(Nutzerperspektive einnehmen, Problem definieren, Ideen sammeln, Prototyp
erstellen, Test mit Nutzern) werden so lange wiederholt, bis das Designteam mit dem
Ergebnis zufrieden ist und die Nutzer dieses validiert haben. Schauen Sie sich dazu
gerne auch die Fallstudie des Finnischen Instituts für Schiedsgerichtsbarkeit zum o.a.
Projekt an. Das Prinzip des „fail fast“ ist eine echte Herausforderung für uns
Juristinnen und Juristen, denn sehr viele von uns haben einen Hang zum
Perfektionismus und fürchten Fehler mehr als alles andere. Ich kenne dies sehr gut,
sowohl aus eigener Erfahrung als auch aus der Arbeit mit der Mehrheit meiner
Coachingklienten. Deshalb ist es für uns sehr hilfreich, im Designprozess zu lernen,
unsere Arbeitsprodukte bereits in einem frühen Stadium los zu lassen, Feedback von
Nutzern dazu einzuholen und sie dann zu verbessern. Denn was ein „perfektes“
Arbeitsprodukt ist, können wir niemals alleine entscheiden, sondern immer nur im
Dialog mit denjenigen, die unsere Arbeitsprodukte benutzen.

Diese Fähigkeiten – Empathie und Nutzerfokus, multidisziplinäre Zusammenarbeit und
Kreativität – haben wir im Zuge unserer juristischen Ausbildung und Berufserfahrung oft
etwas verkümmern lassen. Damit wir auch in Zeiten der zunehmenden Digitalisierung
relevant bleiben, als Rechtsberater für Verbraucher und Unternehmen, müssen wir diese
Fähigkeiten unbedingt entwickeln und pflegen. Empathie und Kreativität sind einzigartige
menschliche Eigenschaften, die keine künstliche Intelligenz aufbringen kann.