Die Anwaltschaft schrumpft weiter

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Die Zahl der Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte in Deutschland geht weiter zurück. Das meldet die Bundesrechtsanwaltskammer (BRAK) in ihrer jüngsten Mitgliederstatistik und das bestätigen die Erhebungen des Soldan Instituts. So waren nach Angaben der BRAK zum 1.1.2024 in Deutschland 165.776 Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte zugelassen und damit sogar etwas mehr als im Vorjahr (165.186). Das liegt aber nur daran, dass der Anteil der Syndikusrechtsanwälte gestiegen ist. Die Zahl der niedergelassenen Anwältinnen und Anwälte sinkt also weiter von 140.713 auf 139.586 in diesem Jahr. In einigen regionalen Rechtsanwaltskammern ist diese Entwicklung derzeit besonders signifikant: Die Kammern Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt haben von 2017 bis 2024 mehr als 20 Prozent ihrer Mitglieder verloren.

Wie Prof. Matthias Kilian, Direktor des Soldan Instituts und Professor an der Universität zu Köln, auf dem Deutschen Anwaltstag ausführte, sei eine Trendwende bei den rückläufigen Anwaltszahlen nicht zu erwarten. Dies sei zum großen Teil auf die demographische Entwicklung zurückzuführen. Nach den Erhebungen der Kölner Berufsforscher sind mehr als 60 Prozent der Anwältinnen und Anwälte über 50 Jahre alt. In den Kammern Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt liegt das Durchschnittsalter sogar bei gut 55 Jahren.

Das altersbedingte Ausscheiden aus dem Berufsleben ist nach den Worten Kilians aber nur ein Grund für die schrumpfenden Anwaltszahlen. Hinzu kommt, dass immer weniger angehende Juristen „Volljuristen“ sind, weil sie sich lieber für andere Ausbildungswege, etwa ein Masterstudium, entscheiden. Bemerkenswert ist aber vor allem, dass rund 6 von 10 Rechtsanwälten die Anwaltschaft entweder bereits nach wenigen Jahren wieder verlassen oder bis zu 12 Jahren vor der Rentengrenze ihre Zulassung zurückgeben. Stärker ausgeprägt ist dieses Phänomen bei den Frauen, die inzwischen fast die Hälfte in der jungen Anwaltschaft ausmachen. So entfallen nach den Untersuchungen des Soldan Instituts zur „Jungen Anwaltschaft“ überproportional viele Zulassungsverzichte in der Altersgruppe unter 40 Jahren auf Rechtsanwältinnen. Es liegt nahe, dass die Vereinbarkeit von Beruf und Familie in der Anwaltschaft noch immer ein Problem für Frauen darstellt. „Wir brauchen daher überzeugende Konzepte für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, die nicht nur versprochen, sondern auch gelebt werden, sowie echte Karrierekonzepte, die nicht auf einer Vollzeittätigkeit basieren“, sagte Kilian.

Ein Umdenken ist aber auch bei den klassischen Karrierewegen in der Anwaltschaft notwendig. Die Untersuchungen des Soldan Instituts belegen, dass junge Anwältinnen und Anwälte kein Interesse mehr an der unternehmerischen Berufsausübung haben. Sie wollen lieber im Angestelltenverhältnis tätig sein und streben nicht mehr die Partner-Position in einer Sozietät an. Auch klassische Kanzleigründungen gebe es aus diesem Grund kaum noch, berichtete Kilian. Er forderte, dass die angestellten Anwälte berufspolitisch stärker in den Fokus genommen werden und ihre Repräsentation verbessert werden müsse, um zu vermeiden, dass diese Gruppe die Anwaltschaft verlässt, wie sie für sich keine beruflichen Entwicklungsmöglichkeiten sehen.

Mit seinen Untersuchungen zum Anwaltsmarkt machte Kilian auf dem Anwaltstag deutlich, dass die Anwaltschaft dringend Lösungen finden muss, damit die Bevölkerung auch in der Fläche weiterhin mit Rechtsrat versorgt wird. Gelingt ihr das nicht, wird dies den Druck auf eine weitere Deregulierung des Rechtsdienstleistungsmarktes erhöhen, ist Kilian überzeugt.

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