DAV plötzlich ohne Führung: Hauptgeschäftsführer kündigt, Präsident tritt zurück

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Ulrich Schellenberg wird sein Amt als Präsident des Deutschen Anwaltvereins (DAV) mit Wirkung zum 1. März 2019 niederlegen. Das hat der Rechtsanwalt und Notar aus Berlin am 25. Februar 2019 überraschend bekannt gegeben. Anlass für seinen Rücktritt seien unterschiedliche Auffassungen über Führungsfragen und den Ablauf von Entscheidungsprozessen innerhalb des DAV, heißt es in der Pressemitteilung. „Die Entscheidung zum Rücktritt ist mir nicht leicht gefallen. Angesichts der Differenzen zu Fragen der Vereinsführung und zu Entscheidungsverfahren sah ich mich aber aus Verantwortung gegenüber dem Deutschen Anwaltverein zu diesem Schritt verpflichtet“, wird Schellenberg dort zitiert.

Gut informierte Kreise sprechen von einer „wahren Palastrevolution“, die es innerhalb des DAV-Vorstandes gegeben habe. Auslöser war die Entscheidung des DAV-Hauptgeschäftsführers Philip Wendt, das Handtuch zu werfen. Er hatte Ende vergangener Woche seinen Vertrag gekündigt, wird aber wohl, wie es seine ordentliche Kündigungsfrist vorsieht, noch bis Anfang 2010 im Amt bleiben. Dabei hatte Wendt seinen Posten als Hauptgeschäftsführer erst im April 2018 angetreten. Davor hatte er die Deutsche Anwaltakademie, eine Tochtergesellschaft des DAV, geleitet und dort unter anderem die Online-Fortbildung erfolgreich etabliert und ausgebaut. Zudem war er von 2002 bis 2007 Mitglied der DAV-Geschäftsführung.

Für die meisten DAV-Mitglieder kommt der jetzige Eklat an der Führungsspitze überraschend. Gleichwohl waren viele von ihnen schon eine ganze Weile unzufrieden mit ihrem Präsidenten gewesen, heißt es. Schellenberg habe vor allem zu politischen Themen Stellung bezogen, aber sich zu wenig für die berufsbezogenen Belange der Mitglieder engagiert, lautet die Kritik. Vielen sei seine Positionierung auch zu „einseitig“ gewesen. So geht zum Beispiel aus einer Befragung, die der DAV im vergangenen Jahr unter den Mitgliedern vorgenommen hat, auch hervor, dass sich diese von ihren örtlichen Anwaltvereinen gut vertreten fühlen. Auf die Arbeit des Dachverbandes in Berlin trifft das aber nicht zu.

In den nächsten Wochen wird sich der DAV nun intensiv damit beschäftigen müssen, wie er die Lücken an der Führungsspitze füllt. Laut Satzung kommen als Nachfolger für den scheidenden Präsidenten nur Vorstandsmitglieder in Frage. Derzeit sind Pia Eckertz-Tybusek, der ehemalige DAV-Präsident Prof. Dr. Wolfgang Ewer, Edith Kindermann, Dr. Friedwald Lübbert, Herbert Schons und Dr. Claudia Seibel Mitglieder des DAV-Präsidiums. Da im Mai einige Vorstandsmitglieder neu gewählt werden, könnte man aber auch auf dieser Mitgliederversammlung neue Kandidaten ins Spiel bringen. Die Verantwortlichen im DAV enthalten sich derzeit jeder Spekulation. In der Pressemitteilung wird nur angekündigt, dass das Präsidium kurzfristig eine Vorstandssitzung anberaumen wird, „in der die Wahl einer Präsidentin oder eines Präsidenten erfolgen wird.“ Es ist aber theoretisch auch möglich, dass es sich dabei nur um eine Interimslösung, etwa bis zum nächsten Anwaltstag, handelt. Der findet in diesem Jahr vom 15. bis 17. Mai in Leipzig statt.