Der Fachhochschul-Jurist wird immer beliebter

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Das rasante Wachstum der Anwaltschaft ist vorbei. Nur noch sehr moderat wächst die Zahl derjenigen, die in Deutschland Rechtsanwalt werden. Die Statistik belegt es: Genau 164.565 Anwälte gibt es in diesem Jahr in Deutschland, nur 875 mehr als im Vorjahr. „Das ist eine Wachstumsrate von 0,5 Prozent und damit die niedrigste seit Statistiken über Anwälte überhaupt geführt werden“, kommentierte Professor Dr. Matthias Kilian, Direktor des Soldan Instituts die Ergebnisse seiner Befragungen auf dem Deutschen Anwaltstag.

Der Rückgang hat verschiedene Ursachen: Die Zahl der Studierenden sinkt, gleichzeitig nimmt auch noch die Popularität des Jurastudiums ab. Dafür wächst der Anteil der Fachhochschul(FH)-Juristen kontinuierlich. Diese Entwicklung kann sich mittelfristig auch auf die Kanzleien auswirken. „Es kann sein, dass der Preisdruck in den Anwaltskanzleien steigt, weil die Wirtschaftsjuristen Standardarbeiten billiger erledigen können“, sagte Kilian. Würde die wachsende Gruppe der FH-Juristen nicht ausreichende Beschäftigungsmöglichkeiten finden, könnten sie unter Umständen langfristig auch Druck auf das Rechtsdienstleistungsgesetz ausüben und sogar das Rechtsberatungsmonopol der Anwälte bedrängen, so Kilian.

Berufsrechtsbarometer des Soldan Instituts über aktuelle Entwicklungen des Berufsstandes

Berufsbarometer 2015

Mittelfristig müssen sich die Kanzlei-Inhaber in Deutschland vor allem mit einem anderen Trend befassen: Auch wenn Deutschland mit einem Frauenanteil in der Anwaltschaft von 33 Prozent international einen hinteren Platz belegt (hier ist die Türkei übrigens mit 61 Prozent Frauen Spitze), holen die Kolleginnen hierzulande mächtig auf: 60 Prozent der Jura-Studierenden sind inzwischen weiblich, und aktuell wurden erstmals mehr Frauen als Männer in Deutschland zum Anwaltsberuf zugelassen.

Anwältinnen schätzen im Vergleich zu ihren Kollegen aber andere Beschäftigungsformen. Zum einen wollen viele von ihnen zumindest die Möglichkeit haben, auch in Teilzeit zu arbeiten. „Zum anderen möchte gerade bei den jungen Anwältinnen mehr als die Hälfte perspektivisch eine angestellte Tätigkeit beibehalten. Männer sind dagegen deutlich häufiger daran interessiert, Inhaber einer Kanzlei zu werden“, analysierte Kilian. Viele Kanzleien müssten mittelfristig daher das traditionelle Partnerschaftsmodell überdenken, um zukunftsfähig zu bleiben. „Unter Umständen gewinnen damit auch andere Organisationsformen von Kanzleien, etwa im Fremdbesitz, an Attraktivität. Eine große Mehrheit in der deutschen Anwaltschaft steht solchen alternativen Modellen, wie sie derzeit vor allem in England existieren, allerdings heute noch sehr kritisch gegenüber“, stellte Kilian fest.