Legal Tech-Szene wächst in Deutschland

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Neue technologiebasierte Geschäftsmodelle verändern den Rechtsberatungsmarkt und erleichtern gleichzeitig den Zugang zum Recht.Wir kaufen im Internet ein, buchen Urlaubs- und Geschäftsreisen, manche suchen dort sogar nach einem Lebenspartner. Warum lösen wir nicht auch Rechtsprobleme über das Internet? Vorbehalte dagegen schwinden. Junge Start-ups versuchen kontinuierlich mit neuen Ideen den Rechtsberatungsmarkt auch in Deutschland zu erobern. „Legal Tech“ heißt das Schlagwort.
Aber was ist damit eigentlich gemeint? Eine genaue Definition gibt es bislang nicht. „Legal Tech beschreibt den Einsatz von modernen, computergestützten, digitalen Technologien, um Rechtsfindung, -anwendung, -zugang und -verwaltung durch Innovationen zu automatisieren, zu vereinfachen und – so die Hoffnung – zu verbessern“, sagt Dr. Micha-Manuel
Bues, Rechtsanwalt und Legal Tech-Experte. Auf dem Anwaltszukunftskongress am 2. und 3. September in Köln wird er einige erfolgreiche Geschäftsmodelle aus der deutschen Legal Tech-Szene vorstellen (siehe unten).

Individuell angepasste Musterverträge, Schadenersatz bei Flugverspätungen, teilautomatisierte Prüfung von Dokumenten – bisher konzentrieren sich die Angebote im Internet auf Leistungen, für die man eigentlich gar keinen Anwalt braucht, weil diese Aufgaben standardisiert und für den Fachmann nicht kompliziert sind. „Dennoch werden Anwälte häufig eingeschaltet – einfach weil es bislang keine Alternativen dazu am Markt gibt“, erklärt Bues. Und mindestens ebenso häufig werden diese Rechtsprobleme gar nicht an den Experten herangetragen, weil die Rechtssuchenden das Problem für zu klein erachten, um einen Anwalt damit zu beschäftigen oder weil sie fürchten, dass sein Rat zu teuer wird. Bei den Rechtsberatungsangeboten im Internet existieren diese Hemmschwellen hingegen nicht. Sie punkten bei ihren „Mandanten“ mit Kostentransparenz und geringem Risiko. Auf diese Weise verbessern die IT-basierten Lösungen auch den Zugang zum Recht.

Derzeit ist der Anteil von Legal Tech am Rechtsberatungsmarkt in Deutschland noch klein. Aber das kann sich schnell ändern, wie die Entwicklung in den USA zeigt. „Mittlerweile spricht sich offenbar auch bei immer mehr Anwälten, Kanzleien und Rechtsabteilungen hierzulande herum, dass es sinnvoll ist, sich intensiver mit dem Thema Legal Tech zu beschäftigen“, sagt Bues. „Viele realisieren, dass Legal Tech nicht nur eine nette Spielerei, sondern ein zentraler Baustein für Anwälte und Kanzleien ist, um auch in Zukunft wettbewerbsfähig zu bleiben.“ Seiner Einschätzung zufolge wird Legal Tech zu einem grundlegenden Wandel der Rechtsbranche führen, weil immer komplexere Aufgaben durch Automatisierung und künstliche Intelligenz von Software übernommen und effektiver gelöst werden. Deshalb werde sich der Anwalt in Zukunft auf Bereiche konzentrieren müssen, die sich nicht für die Automatisierung eignen.

Pioniere im Rechtsberatungsmarkt

Advocado

Das Start-up aus Greifswald vermittelt Rechtssuchenden seit 2014 den passenden Anwalt zu transparenten Preisen im Internet. Über eine Online-Plattform, die das Unternehmen seinen Partner-Anwälten oder -Kanzleien zur Verfügung stellt, wird der gesamte Prozess vom Erstkontakt, über Beratung, Streitfall bis hin zur Rechungsstellung und Zahlung abgewickelt. Das Unternehmen baut sein Netz von Kooperationspartner aus, dazu zählen Edeka Food Service und Volks- und Raiffeisenbanken.

edicted

Die Plattform ist ein „Spezialistennetzwerk“ für Legal Outsourcing. Auftraggeber können über edicted Unterstützung bei Rechercheaufgaben zu Rechtsfragen, beim Verfassen von Schriftsätzen oder Blogeinträgen erhalten. Regis­trierte Referendare und Studenten, aber auch Anwälte nehmen den Auftrag an und stellen das Arbeits­ergebnis dann dem Auftraggeber per E-Mail zur Verfügung.

Jurato

Das 2013 gegründete Unternehmen vermittelt über eine Online-Plattform Rechtssuchenden den passenden Anwalt für ihr jeweiliges Rechtsproblem. Auch die Kommunikation und die Verwaltung der Fälle werden über die Plattform abgewickelt. Der Fokus von Jurato liegt dabei auf der einfachen Benutzerführung, einer schnellen Bearbeitung und transparenten Preisen.

Flightright

Das 2010 gegründete Unternehmen in Potsdam hilft Kunden, bei Verspätungen, Annullierungen oder Umbuchungen ihrer Flüge Entschädigungen nach der EU-Fluggastrechte-Verordnung durchzusetzen. Im Erfolgsfall behält das Unternehmen 25 Prozent der Entschädigungssumme ein. Flightright ist inzwischen in anderen europäischen Ländern und den USA präsent. Das Unternehmen wirbt mit mehr als 600.000 zufriedenen Kunden und einer Erfolgsquote vor Gericht von 98 Prozent.

Smartlaw

Das Unternehmen bietet Nutzern die Möglichkeit, individualisierte Verträge und Rechtsdokumente einfach, schnell und sicher online zu erstellen anstatt auf zu allgemein formulierte und oftmals veraltete Musterformulare zurückgreifen zu müssen. Mit smartlaw können Kunden auch Anschreiben und andere rechtliche Dokumente erstellen. Es stehen ihnen Rechtstipps, Entscheidungshilfen, Checklisten und Anleitungen zur Verfügung.