Anwaltszukunftskongress: Mit Legal Tech wird Rechtsrat besser und effizienter

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Michael Hildebrand (Soldan), Adem Temizyürek (RenoStar), Marlene Buhleier (RenoStar) und René Dreske (Soldan) am Rainmaker-Stand.

Die Digitalisierung wird alle Bereiche der Kanzlei durchdringen. Davon ist Prof. Dr. Leo Staub, Geschäftsführer der Executive School of Management, Technology and Law an der Universität St. Gallen, überzeugt. Auf dem diesjährigen Anwaltszukunftskongress in Düsseldorf beschrieb er die wichtigsten Trends, die den Kanzleimarkt in den nächsten Jahren prägen werden. Insgesamt werde die Kanzlei-Landschaft diverser werden, ist Staub überzeugt. Es werde „Prozessmodelle geben, die einer industriellen Logik folgen“, aber auch solche, „die als Atelier“ funktionieren. Vielfalt präge künftig auch die Zusammensetzung der Kanzleiteams. Zudem würden künftig zunehmend Fixhonorare an die Stelle der Stundenhonorare treten. Die Anwälte müssten diese Herausforderungen offensiv angehen und die Komfortzone verlassen, forderte Staub.

Innovative Geschäftsmodelle zeigen die Chancen der Digitalisierung

Welche Chancen die Veränderungen bergen, zeigten sehr anschaulich mehrere Praktiker, die ihre innovativen Geschäftsmodelle ebenfalls auf dem Anwaltszukunftskongress präsentierten. Einer von ihnen ist Michael Friedmann, ein Pionier der ersten Stunde, der die Portale 123recht.net und frag-einen-anwalt.de betreibt. Seine neueste Geschäftsidee heißt „PRIME Legal“ und richtet sich an Geschäftskunden, etwa kleinere und mittlere Unternehmen, Onlineshops oder Freiberufler. Für eine monatliche Flatrate von 80 Euro will ihnen PRIME unbegrenzten Rechtsrat bieten. Möglich ist das nur mit einer Kombination aus künstlicher Intelligenz und Big Data. Um Beratung zu diesen Konditionen anbieten zu können, nutzen die derzeit sechs PRIME-Anwälte die „denkende“ Software von IBM Watson und die Daten, die jahrelang über die Plattform frag-einen-anwalt.de gesammelt wurden. Dort stehen 182.000 Rechtsfragen mit detaillierten Antworten zur Verfügung. IBM Watson filtert die Antworten aus diesem Datenpool heraus, der Anwalt überprüft die Entscheidung. Friedmann erwartet, dass seine Anwälte bald innerhalb von fünf Minuten eine Rechtsberatung bearbeiten können. Derzeit  benötigen sie etwas mehr Zeit, da sich IBM Watson noch in der „Trainingsphase“ befindet. Sobald das Produkt marktreif sei, wolle man es auch anderen Kanzleien anbieten, berichtete Friedmann.

Auch die Großkanzlei CMS hat bereits eigene digitale Beratungs- und Prozesslösungen entwickelt und vermarktet und verkauft diese auch an ihre Mandanten. Die Kanzlei habe bereits 2014 damit begonnen, juristische Leistungen zu standardisieren, weil man „effizientere Wege der Leistungserbringung“ verfolgen wollte, erklärten Tobias Heining und Eric Loewenthal. Derzeit bieten sie beispielsweise Lösungen zum rechtssicheren Einsatz von Fremdpersonal oder zur Sozialauswahl, sowie prozessgetriebene Lösungen zur Bestandsaufnahme und Sachverhaltsklärung an.

Die Kanzlei Ratis in Passau hat als erste Kanzlei in Deutschland eine Chatbot-artige Anwendung installiert, mit dem Nutzer automatisch Entschädigungen für Flugverspätungen fordern können. Rechtsanwalt Sven Galla stellte seinen „Ratisbot“ ebenfalls auf dem Anwaltszukunftskongress vor. „Wir entwickeln Ratisbot zu einem einheitlichen Kommunikationskanal für Rechtssuchende in allen Lebenslagen“, sagte Galla. Die nächste Anwendung soll der Kündigungsschutz sein.

Kanzleisoftwares Rainmaker und Kleos als Cloudlösungen

Immer wiederkehrende Standardfälle mit hoher Effizienz abzuarbeiten – in diese Lage wollen der Kanzleisoftwarespezialist ReNoStar und Soldan künftig jede Kanzlei versetzen, sofern diese es wollen. Auf dem Kongress stellten sie ihre Lösung Rainmaker vor: eine cloudbasierte, integrierte Kanzleisoftware. Sie erledigt die effiziente Mandatsarbeit vom Anlegen der elektronischen Akte bis zur Abrechnung des Mandats. Dazu gehören zum Beispiel auch Funktionen, die strukturierte und systematische Fallbearbeitung ermöglichen und eine Suchmaschine für die juristische Recherche. Eine weitere Funktion ermöglicht es dem Nutzer, auf den Service externer Dienstleister, etwa Telefonservice oder Kanzleiabrechnung, zuzugreifen. Zudem zeigt die Software auch potenzielle Mandate aus dem Internet an. Diese stammen aus der Kooperation mit Rechtsberater.de und AdvoAssist, der führenden Plattform für Terminsvertretungen. „Die Akte kommt schon vorstrukturiert bei dem Anwalt an. Dieser wird dadurch befähigt, mit den Legal Techs in Konkurrenz zu treten“, erklärte Oliver Schwartz von Soldan auf dem Kongress.

Von ihren Erfahrungen mit der Kanzleisoftware Kleos, berichtete Simon Reuvekamp von Wolters Kluwer Deutschland auf dem Kongress. Denn im Gegensatz zu anderen Anbietern, ist Kleos als Cloudlösung bereits bei tausenden Anwälten im europäischen Ausland im Einsatz. Mit den mobilen und übersichtlichen Apps können die Nutzer von überall aus arbeiten und sicher auf ihre Daten zugreifen. Ein deutsches Rechenzentrum der Telekom hostet Kleos für ganz Europa. Für den deutschen Markt wurde die Lösung jetzt aufwändig adaptiert.

Eines ist auf der zweitägigen Konferenz deutlich geworden: Legal Tech bietet die Möglichkeit, Rechtsberatung schneller, effizienter und besser zu machen. Jetzt liegt es an den Anwälten, diese Chancen zu nutzen.

 

Der Anwaltszukunftskongress ist eine gemeinsame Veranstaltung von Soldan und Wolters Kluwer Deutschland. Neben den Kongressen im September 2016 und 2017 fand im April 2017 auch erstmals die Legal Tech-Tour statt. Sie führte die Teilnehmer ins Silicon Valley. Weitere gemeinsame Veranstaltungen und Fortbildungsformate sind in Vorbereitung.

Den ersten Teil unseres Kongress-Rückblicks lesen Sie hier.

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