„Sie dürfen die Digitalisierung nicht klein reden“

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Interview mit Prof. Dr. Gunter Dueck

Prof. Dr. Gunter Dueck gilt als Querdenker. Mehr als 25 Jahre war der Mathematikprofessor für IBM Deutschland tätig, zuletzt, bis August 2011, deren Chief Technology Officer. Heute arbeitet er als Business Angel und Schriftsteller (u.a. „Schwarmdumm“, „Das Neue und seine Feinde“, „Professionelle Intelligenz – worauf es morgen ankommt“). Er ist ein gefragter Keynotespeaker und begeistert seine Zuhörer mit seinen spannenden Thesen. Auf dem
Anwaltszukunftskongress wird er über die Digitalisierung der Dienstleistungsgesellschaft sprechen. Lesen Sie, was Prof. Dr. Gunter Dueck über die Zukunft der Rechtsberatung denkt.

Soldan #Insights: Viele Juristen meinen, dass Ihre Leistungen so individuell und so personenbezogen sind, dass die Digitalisierung für sie keine Gefahr darstellt. Wie beurteilen Sie solche Einschätzungen?
Prof. Dr. Gunter Dueck: Zunächst ein Meta-Einwand: Genau dieses schwach arrogante „alles ist besonders bei uns“ hat schon ganze Branchen in größte Probleme gebracht. Bankberatung wird heute absolut nicht mehr so „besonders“ oder „individuell“ gesehen, man redet heute nicht mehr eine Stunde über einen Kleinkredit, sondern klickt viermal auf dem Smartphone. Auch Elektrofachhändler haben die Erfahrung machen müssen, dass die Leute einfach so bei Amazon kaufen. Also Vorsicht, ob das mit dem „Besonderssein“ so stimmt!

Auf jeden Fall aber gibt es viele Rechtsvorgänge, die man sicherlich viel weitergehender automatisieren kann: Kapitalveränderungen oder Geschäftsführungswechsel in GmbHs zum Beispiel sind doch fast nur Umbuchungen?! Warum der ganze schreckliche Aufwand? Ich will sagen: Es gibt bestimmt viele Ecken, an denen den Anwälten und Notaren Business verschwindet. Sagen wir, ab heute verschwindet 3 Prozent Business pro Jahr. So geht es ja auch beim Handel schon lange. Wenn eine Branche dauerhaft ein paar Prozent Business verliert, gibt es Überkapazitäten und nachfolgendes Elend. Sie sehen das doch anderswo!

Sie kritisieren, dass große Unternehmen wenig innovationsfreudig sind, weil sie schwer zu manövrieren sind. Anwaltskanzleien zeichnen sich durch eher flache Hierarchien aus, gelten aber dennoch nicht als innovationsfreudig. Woran mag das liegen?
Viele der anwaltlichen Arbeiten werden nach Stunden bezahlt, nicht nach Resultat. Daher besteht kein Anreiz, das Resultat durch Digitalisierung schneller zu erzielen. Bei digitalisierten Leistungen wird aber immer nach Resultat („Werk“) bezahlt. Ein entsprechender Wechsel zu anderen Leistungs- und Bezahlmodellen kann ganz schön viele Sargnägel einschlagen.

Wie können sich Ihrer Meinung nach Anwälte auf die Herausforderungen der Digitalisierung vorbereiten?
Wenn die Sintflut kommt, soll man keine Deiche bauen, sondern Schiffe. Ich meine: Bitte reden Sie die Digitalisierung nicht klein. Schauen Sie in andere Branchen. Nehmen Sie die neue Welt einmal ruhig hin und steuern Sie langsam um. Die Digitalisierung frisst eben nur ein paar Prozent pro Jahr. Man hat lange Zeit, neues Business zu finden und sich umzustellen. Nur muss man die Zeit konstruktiv nutzen, und zwar nicht zum Abwarten und dem genüsslichen Lesen von Berichten, dass die Digitalisierung eben doch nicht das Gelbe vom Ei ist. Diese Haltung habe ich einmal Ignarroganz getauft – die bringt ins Grab.

 

Prof. Dr. Gunter Dueck wird über das Thema Digitalisierung auch auf dem Anwaltszukunftskongress referieren. Der Kongress findet am 2. und 3. September im Köln statt und befasst sich unter anderen mit der Frage, wie die Digitalisierung den Rechtsberatungsmarkt verändern wird. www.anwaltszukunftskongress.de