Dr. Roland Vogl: „Konkurrenz von Online-Anbietern gibt es schon heute“

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Interview mit Stanford-Hochschullehrer Dr. Roland Vogl über die Bedeutung von Legal Tech in den USA

Die USA nehmen bei Legal Tech-Innovationen eine Vorreiterrolle ein. Über die Entwicklungen und Trends berichtet Dr. Roland Vogl. Er ist Anwalt, Universitätslektor und Experte für Geistiges Eigentum, Medienrecht, Innovation und Rechtsinformatik an der renommierten Stanford Universität in Kalifornien sowie geschäftsführender Vorstand von CodeX, des Stanford Zentrums für Rechtsinformatik. Auf dem Anwaltszukunftskongress in Köln wird Dr. Roland Vogl über Legal Tech und Innovationen in den USA sprechen und Entwicklungen aufzeigen, die ebenfalls für Europa und für den deutschen Rechtsberatungsmarkt relevant sein können.

Was sind die großen Unterschiede zwischen den USA und Europa im Umgang mit Legal Tech?

Dr. Roland Vogl: Ich sehe spannende Entwicklungen im Bereich der Rechtstechnologie („Legal Tech“) derzeit in mereren Ländern. In den USA hat sich nach der Rezession 2008/09 die Zahl der Legal Tech Start-ups extrem vermehrt. CodeX – das Stanford Zentrum für Rechtsinformatik – hat vor kurzem eine Datenbank mit über 700 Legal Tech-Unternehmen, die meisten davon in den USA, online gestellt (tech.law.stanford.edu). Ein Unterschied zwischen den USA und Europa ist schlichtweg die Anzahl der neuen Legal Tech-Unternehmen. Das hat natürlich in erster Linie mit der Größe des U.S.-amerikanischen Markts für Rechtsdienstleistungen zu tun (der Markt wird auf 300 Mrd. $ geschätzt). Der Europäische Markt ist im Vergleich dazu aufgrund der verschiedenen Rechtssysteme und Sprachen deutlich stärker fragmentiert.

Zeigen sich US-Anwälte aufgeschlossener gegenüber den neuen Entwicklungen?

Nach dem Report der Georgetown Universität 2016 zum Stand des Rechtsmarkts (Georgetown 2016 Report on the State of the Legal Market) erzielen Kanzleien, die strategische Änderungen im Bereich der Personalbesetzung bei ihren Anwälten, Erbringung der rechtlichen Dienstleistung und ihren Preismodellen eingeführt haben, bessere finanzielle Resultate als ihre Konkurrenz-Kanzleien, die diese Änderungen nicht vornehmen. Gleichzeitig gilt es aber nach wie vor als schwierig, Kanzleien von neuen Technologien für die Praxis zu überzeugen. Dieses Problem dürfte in den USA und Deutschland sehr ähnlich sein. Darüber hinaus werfen die Geschäftsmodelle mancher Dienste zumindest in den USA standesrechtliche Fragen auf – auch hier sollte es eine Parallelität zu der Situation in Deutschland geben. Zum Beispiel die Frage der Beteiligung des Anbieters am Honorar für die rechtliche Dienstleistung (“Fee Splitting”), und die Frage der “Unauthorized Practice of Law” (UPL) sind Themen, die seit langem schon innovativen Legal Tech-Unternehmen zu schaffen machen, und diese Fragen sind nach wie vor nicht endgültig gelöst.

In welchen Bereichen wird Ihrer Einschätzung zufolge Legal Tech auch in Deutschland künftig eine größere Rolle spielen?

Im Allgemeinen stehen Juristen in Anwaltskanzleien und Rechtsabteilungen in den USA sowie Deutschland eine Reihe neuer Dienste zur Verfügung von Online-Anwaltsnetzwerken und Marktplätzen, über neue Technologien für Praxis-, Knowledgeund Vertrags-Management sowie “Big Data” Analyse für Risiko-Management, bis hin zu spezialisierten Suchmaschinen und Datenbanken. In den USA ist der Bereich “E-Discovery” ein stark umkämpftes Segment im Legal Tech Markt. Das ist im deutschen Rechtsystem natürlich kaum relevant.

Glauben Sie, dass Legal Tech Innovationen in der Zukunft den Rechtsanwalt sogar überflüssig machen können?

Nein. Aber ich denke, dass viele Dienstleistungen, die traditionell Anwaltssache waren, in Zukunft von Computern und über das Internet gehandhabt werden können. Viele Anwälte sehen heute schon Konkurrenz von Online-Anbietern (wie LegalZoom oder RocketLawyer in den USA), die bestimmte rechtliche Dokumente oder Abläufe (etwa für Unternehmens-, Markenanmeldung oder Testamente) zu Niedrigpreisen anbieten können. Anwälte müssen sich überlegen, worin ihre Kernkompetenz liegt und wie sie diese Kompetenz effizient mit ihren Klienten teilen können. Es kann davon ausgegangen werden, dass in der Zukunft die Kanzleien im Wettbewerb gewinnen werden, denen es gelingt, ihren Klienten ihre Expertise nutzerfreundlich, schnell und preiskompetitiv zur Verfügung zu stellen.